Kunsthistorisches

Was ist denn ein Schapel?

Im Rahmen einer Hausarbeit habe ich mich mal ganz konkret mit einem Objekt auseinandergesetzt – dem Schapel. Kurz gesagt handelt es sich hierbei um eine mittelalterliche Kopfbedeckung, einen Kranz, der in erster Linie im Minnespiel zum Einsatz gekommen sein soll.

Wer es noch etwas wissenschaftlicher haben möchte, kann sich gerne in meine genauere Einführung stürzen. Viel Spaß!

1.     Der Kranz im Spiel der Minne

„Süße Minne, reine Minne, mach mir ein Kränzlein!

Das soll ein stolzer Mann tragen,

der Frauen wohl  zu dienen versteht“[1]

Der unbekannte Autor des Liebesliedes aus der berühmten Benediktbeurischen Handschriftensammlung bittet hier die Minne voller Inbrunst ihm ein „Kränzlein“ zu geben. Die scheinbar weibliche Sprecherin des Liedes möchte es einem Mann aufsetzen, der es sich durch seine Dienste den Frauen gegenüber verdient hat. Es stellt sich die Frage, von Diensten welcher Art hier die Rede ist und warum der Mann dafür mit einem Kranz entlohnt werden soll.

Das Motiv des Kranzes begegnet dem Betrachter vermehrt im mittelalterlichen Bildprogramm, als auch in der zeitgenössischen Literatur, wie hier in der Carmina Burana. Trotz seines häufigen Vorkommnisses wird das Objekt in Werkbeschreibungen oft nur beiläufig erwähnt. Dabei scheint es fast unglaubwürdig, dass ein Gegenstand, der von Künstlern und Handwerkern gattungsübergreifend thematisiert wurde, schlichtweg nebensächlich sein soll. In Michael Camilles Werk „Die Kunst der Liebe im Mittelalter“ richtet sich die Aufmerksamkeit im zweiten Kapitel auf die sogenannten „Liebesgaben“.[2] Unter anderem werden hier drei Elfenbeinobjekte thematisiert, die vermutlich einst im Paris des 14. Jahrhunderts als Geschenke für eine Angebetete in Auftrag gegeben wurden.[3] Alle drei weisen ein zentrales Motiv in ihrem Bildprogramm auf, das Camille als ein bedeutsames symbolisches Objekt in der Choreografie des Werbens bezeichnet – den Kranz.[4]

Die folgende Arbeit untersucht die vielschichtige Bedeutung des Kranzes als Kopfbedeckung im Rahmen der höfischen Gesellschaft. Anhand einer Auswahl von Bildwerken und Gegenständen, die natürlich dem Umfang der Arbeit geschuldet nur einen Bruchteil entsprechender Objekte repräsentieren kann, soll das Motiv des Kranzes im Bildprogramm des Mittelalters näher betrachtet werden. Desweiteren soll ein Überblick über die verschiedenen Formen und die geschichtliche Entwicklung des Objektes gegeben werden, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob der Kranz, über Literatur und Kunst hinaus, tatsächlich als Gegenstand im Alltag der höfischen Gesellschaft vorhanden war. Ausgehend von Camilles Einordnung des Kranzes in das Liebeswerben, muss dieses erst einmal in seinem kulturellen Umfeld beleuchtet werden.

2.     Die höfische Liebe

Das Kapitel gleich mit dem Begriff „höfischen Liebe“ zu betiteln, erscheint vermutlich etwas vermessen. Die heutige Vorstellung von Liebe am Hof fällt in der Regel mit dem Phänomen der Minnegeselligkeit zusammen. Der Begriff der höfischen Liebe, „amour courtois“, ist hingegen ein viel später konnotierter, der erstmals 1883 durch Gaston Paris geprägt wird. In einem Aufsatz zur Tafelrunde Sir Lanzelots stellt er insgesamt vier Thesen zur Bedeutung der höfischen Liebe auf.[5] Zum einen handele es sich bei der höfischen Liebe in erster Linie um eine außereheliche, heimliche und vor allem körperliche Liebe. Zweitens beschreibe sie den langandauernden Dienst eines Mannes, den er an eine oft höhergestellte Frau zu leisten habe. Drittens führe die Ausübung dieses Dienstes zu einer Vervollkommnung des Mannes im physischen und moralischen Sinne. Zuletzt definiert er die „amour courtois“ als eine feststehende Kunst mit Regeln und Gesetzen, mit eigenen literarischen Formen in Brief und Gedicht.[6]

Dass Liebe, mittelhochdeutsch Minne, im Mittelalter eine festumrissene Theorie war, deren Regeln heute einfach nachvollzogen werden können, hat die Forschung längst wiederlegt. Minne lässt sich eher als ein Phänomen betrachten, einen höfischen Diskurs über das korrekte Liebesverhalten am Hofe, der sich in facettenreiche Arten, wie Gattenliebe und reinen Eros oder Gottesminne und Weltminne aufteilt.[7] Zwei Begriffe, die helfen das Phänomen besser zu untergliedern, sind die hohe und die niedere Minne. Erstere findet sich hauptsächlich im Rahmen der feudalen Gesellschaft und gilt als vernunftgeleitete, selbstbeherrschte Form der Liebe.[8] Im Gegensatz ist die triebgesteuerte Minne, die sich nur auf ein rein körperliches Liebeswerben beschränken kann, Teil der Welt des niederen Volkes.[9]

Der im anfänglichen Zitat genannte Dienst, den ein Mann gegenüber den Frauen leisten soll, findet sich vor allem in antiker und zeitgenössischer Literatur des Mittelalters wieder, die an den meisten Höfen bekannt gewesen sein sollte. Allgemein stammen die meisten uns heute überlieferten Informationen aus solchen Schriften. Bereits in Ovids Traktat über die Liebe heißt es: „Militat omnis amans“[10] – Jeder Liebende dient. Eine inhaltliche Konstante im Liebesdienst scheint hierbei die Rolle des Mannes als Vasallen gegenüber einer höhergestellten Frau zu sein.[11] Der feudale Lehnsgedanke prägt die Vorstellung dieses Konzeptes.

Eines der wichtigsten uns heute überlieferten Traktate über die Liebe erschien wahrscheinlich zwischen 1180 und 1190.[12] Der geistliche Autor, der auch in einigen Quellen als Andreas Cambellanus, Kaplan am französischen Hof von Philipp II. genannt wird, scheint sich in seinem Werk an einer methodischen Aufarbeitung des Thema Liebe zu versuchen.[13] Die ersten beiden Bücher behandeln die Frage, wie man Liebe erwerben soll und was man tun muss, um sie zu behalten. Innerhalb des ersten Buches gibt es hierzu verschiedene Dialoge zwischen Männern und Frauen unterschiedlichen Standes, ähnlich einem sokratischen Dialog zwischen Schüler und Lehrmeister, die Liebesfragen diskutieren. Das dritte und letzte Buch ist ganz auf das negative Ausmaß der Liebe gerichtet und warum man sich ihr lieber enthalten solle.

Capellanus Werk galt aufgrund seiner methodischen Ausarbeitung lange Zeit als die zuverlässige Dokumentationsquelle einer umfassenden Theorie zur höfischen Liebe im Mittelalter. Fast alles, was über das Minneverhalten bekannt ist, bezieht sich auf „De Amore“. Dass dieses Werk ein authentisches Bild der höfischen Liebe vermitteln soll, wird heute wesentlich kritischer gesehen. Inzwischen kann dem Text ein weitestgehend ironisch-doppelsinniger Charakter zugeschrieben werden, der doch eher das höfische Minneverhalten zu verspotten scheint.[14] In dem Frage-Antwort-Spiel der Dialoge zielt der Mann beispielsweise mit seinen Antworten immer auf die Hingabe und Verführung der Frau ab.[15] Auch wenn eingestanden werden muss, dass es dem Autor wahrscheinlich eher um ein unterhaltsames Werk für das Publikum, als um die Lösung eines wissenschaftlichen Problems ging, so liefert das Werk trotzdem einige Informationen zur höfischen Minnegesellschaft. Die Wahl der verschiedengestellten Personen in den Dialogen gibt Hinweise auf den bereits genannten Dienst, den ein Troubadour oder Minnesänger seiner Herrin erweist. Ebenso lassen sich aber auch umgekehrte Verhältnisse finden, in denen der Mann die höhergestellte Position einnimmt. Einen solchen Minnedienst verrichteten die Herren in Form von Liedern und Gedichten, aber auch durch das Schenken materieller Gaben, auf die jedoch später eingegangen werden soll.

Capellanus gibt auch einen Hinweis auf den Rang der Ehe innerhalb des Minneverhältnisses. „Die Ehe sei kein zureichender Grund sich der Liebe zu entziehen.“[16] Diese Aussage deutet darauf hin, dass der Minnedienst auch oder sogar vorrangig außerhalb des Eheverhältnisses stattfand und somit ein ehebrecherisches Verhalten nicht ausschloss.

In einem der vermutlich meistgelesenen französischsprachigen literarischen Texte des Mittelalters, dem „Roman de la rose“, wird die Liebe als Krankheit bezeichnet, wenngleich auch eine scheinbar angenehme Krankheit, da sie Spiel und Unterhaltung mit sich bringt:

„C’est maladie mout courtoise, Ou l’en jeue e rit e envoise“[17]
Der allegorische Roman wurde um 1235 begonnen von einem als Person nicht näher bekannten Guillaume de Lorris und ab Vers 4059 fortgesetzt von Jean de Meung, der auch als Übersetzer und Bearbeiter lateinischer Werke bekannt ist.
Der Rosenroman enthält die als Bericht eines Traums angelegte Geschichte eines Ich-Erzählers, der durch eine hohe Mauer hindurch einen Paradies-Garten betritt, in dem sich eine elegante Festgesellschaft aufhält. Der Garten gehört Amor von dessen Pfeil er getroffen wird und sich sogleich in eine Rose verliebt, welche die Frau symbolisiert. Bei seinen Annäherungsversuchen an die Rose erfährt der Liebende zwar Unterstützung von vielerlei allegorischen Figuren sowie von einer hilfreichen Alten, wird aber von ebenso vielen behindert.
Die ursprüngliche, im ersten Teil des Romans noch deutliche Gesamtkonzeption ist die einer idealistischen höfischen „ars amatoria“, wobei der Liebende durch die Belehrungen Amors und in der beharrlichen Überwindung von Widerständen und Hindernissen die Künste der Liebeswerbung und des Liebens lernen und dabei eine moralische Läuterung erfahren sollte. Der ungleich längere zweite Teil verliert dieses Ziel jedoch fast aus den Augen, auch wenn der Liebende die begehrte Rose schließlich, dank der Hilfe von Amor und seiner Mutter Venus und am Ende einer Schlacht der allegorischen Figuren um das „Rosenschloss“, erlangt.

Der Rosenroman nimmt keinen direkten Bezug auf die körperliche Liebe, sondern kann eher als Gesellschaftslehre für höfische Umgangsformen gelesen werden. Er gibt dem Verliebten Anweisung, wie er sich korrekt zu kleiden und zu gebärden hat, um in der Liebe zu siegen. So rät er zum Tragen von „schöner Kleidung und schönem Schmuck“ und weist den Mann auch auf die Pflege des Körpers hin. Er solle seine Hände waschen, die Zähne putzen und den Dreck unter seinen Nägeln entfernen.[18]

Die Erzählung des Romans muss bei den Lesern großen Anklang gefunden haben, denn man versuchte, den Inhalt der Erzählung zu verlebendigen. Es gibt zahlreiche Hinweise auf ein sogenanntes „Rosenfest“, das beispielsweise am Hof von Louis d’Orléans und seiner Gemahlin Valentina Visconi stattgefunden haben soll. Birgit Franke gibt in ihrem Aufsatz einen umfassenden Bericht über dieses Rosenfest, das die adelige Oberschicht am Pariser Hof mit materiellen Ausschweifungen in Form von reichverzierten Tapisserien, Tafelaufsätzen, Servicen, Dekor und auch Kleidung zelebriertem.[19] Auch hier war die Kunst des Werbens und ein heiteres galantes Miteinander ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft.[20]

2.1  Minnegaben

Wie bereits kurz erwähnt, erfüllten die Herren ihren Minnedienst neben Gesang und Lyrik auch in Form materieller Geschenke. Solche Minnegaben oder „Gaben der Liebe“, wie sie bei Camille bezeichnet werden, gehören neben den literarischen Werken zu den Dokumenten dieser Zeit.[21] Geschenke, die zwischen Liebenden getauscht wurden, unterlagen einer gewissen Wertemoral. Das Objekt sollte symbolisch möglichst gehaltvoll sein, um die oder den Angebeteten zu beeindrucken. Auf der anderen Seite wollte es aber einen möglichst geringen Tauschwert haben, damit das Geschenk nicht als Bezahlung für den Liebesdienst oder eine Art Bestechung angesehen werden konnte.[22] So erklärt auch Capellanus in seinem Traktat über die Liebe:

 

„(…) ut generali sermone loquamur, quodlibet datum modicum, quod ad corporis potest valere culturam vel aspectus amoenitatem, vel quod potest coamantis omni videatur avaritiae suspicione carere.“[23]

 

Sinngemäß könne also eine Liebende von ihrem Liebespartner jedes bescheidene Geschenk annehmen, das zur Pflege des Körpers und der Schönheit des Anblickes dienen kann oder zur Erinnerung an den Liebsten beiträgt, solange die Annahme ohne jede Habgier geschieht. Zu solchen Gaben gehören, so Capellanus vorab, Korallenketten, Haarbänder oder Reife aus Gold oder Silber, eine Brosche, Handschuhe, Ring und Spiegel, ein Gürtel, ein Geldbeutel, ein Gefäß aus Horn, Gewürze, Wachs, Geschirr und Kerzen, sowie ein Kästchen als Andenken an den Liebsten.[24] Die meisten dieser Objekte können als geschlechterspezifisch gesehen werden, also als Geschenke, die der Mann der Frau machte. Aber auch die Damen beschenkten ihren Auserwählten, in der Regel mit kleinen Handarbeiten. Auch hier sollte der Tauschwert möglichst gering sein und das Symbol im Vordergrund stehen. Ludger Lieb sieht den Blumenkranz als eine mögliche Lösung des damaligen Werteproblems. Er konnte von der Dame selbst angefertigt werden und besaß einen hohen Zeichenwert durch Farbe, seine Kreisform und den Duft. Die Vergänglichkeit des Materials könne zudem als Paradoxon zur Unvergänglichkeit der Liebe gesehen werden.[25] Ebenso konnte aber auch der Herr seiner Geliebten einen Kranz schenken, somit konnte das Objekt von beiden Geschlechtern getragen werden. In manchen Dichtungen wird auch davon berichtet, dass Mann und Frau ihren Kranz miteinander tauschten.[26] So konnte der einfache Kopfschmuck auch in Spiel und Ritus involviert werden.

Die Liebe am Hofe konnte sowohl unerfüllte Liebe oder sinnlichen Genuss darstellen, der Dienst konnte an eine Dame höheren Standes gerichtet sein oder an eine von geringerer Herkunft, er konnte an die eigene Ehefrau gerichtet sein oder ehebrecherischen Charakter besitzen. Mal war die Minne ein langer Dienst des Mannes gegenüber der Frau, mal erfüllte sich die Liebe ganz ohne Dienst.

Es sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau im Mittelalter oftmals einer völlig anderen Realität entsprach. Auch Paravincini weist darauf hin, dass Gewalt, Frauenverachtung und Vergewaltigung zum Alltag gehörten, auch in den Reihen der hohen Herren. Ehebruch und erotische Freizügigkeit waren ein sühnendes Vergehen, das schwer bestraft werden konnte. [27] Es ist deshalb fraglich, dass eine Frau tatsächlich erst nach einem langen Minnedienst erobert wurde. Von einer gängigen Alltagspraxis kann hier nicht die Rede sein.

Zusammenfassend scheint die Minne, wie sie uns in der Literatur begegnet eher eine Gesellschaftsutopie zu sein. Diese Art von Liebe stand für eine bessere Gesellschaft, die es in Wirklichkeit nicht geben konnte, sondern nur im poetischen Entwurf des Dichters.[28] Sowie im Rosenroman das Reich der Liebe durch einen geschlossenen Garten dargestellt wird, in den das Schlechte keinen Zutritt hat, so bildeten Feste, Tunieren, Lustgärten und Minnegerichte den Schauplatz der höfischen Liebe. Die Darstellung in der Literatur ist gattungsabhängig zu betrachten. In der Lyrik wurde das Thema anders behandelt, als in der Epik, in Schwank und Versnovelle oder im Kreuzlied.[29] Greifbar wird die Minne vielleicht nur dann, wenn das Augenmerk darauf gerichtet wird, was von ihr heute noch vorhanden ist.

3.     Vom  Jungfernkranz bis zur Brautkrone

Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens umfasst allein der Artikel zum Kranz 24 Seiten, was Rückschlüsse auf die vielen Ausdeutungen und Verwendungszwecke dieses Gegenstandes zulässt.[30] Von der Verwendung des Kranzes innerhalb des Totenkultes soll hier abgesehen werden. An dieser Stelle soll der Begriff des Schapels eingeführt werden, um das Objekt des Kranzes als Kopfbedeckung besser einzugrenzen.

Der Begriff Schapel stammt von dem französischen Begriff Chapel ab, welches als Diminutiv, chapelet, von chape, Mantel mit Kappe, anzusehen ist. Der Begriff wandelte sich dann zu chapeau, Hut.[31] Der hochmittelalterliche Begriff war Schepil oder auch Schappel.[32] Als Schapel wurden kranzförmige Kopfbedeckungen bezeichnet, die aus Blumen, Stoff oder Metall gefertigt wurden und sowohl von Männern als auch Frauen getragen werden konnten.[33] Neben dem Schapel, waren auch Bezeichnungen, wie Jungfernkranz, Brautkranz oder –Krone üblich. Der Beleg für die Existenz solcher Kopfbedeckungen reicht weit zurück. Bereits im antiken Griechenland wurden Kränze an Festtagen getragen. Liebende beschenkten sich gegenseitig damit und trugen sie an der Hochzeit.[34] Der früheste Beleg im deutschsprachigen Raum findet sich in einer Notiz des Gregors von Tours aus dem Jahre 590. Die Rede ist hier von einem Bräutigam, der einem Mädchen die Krone in Gestalt einer mit Gold verzierten Kopfbinde gezahlt habe.[35]

Vom Ende des 12. Jahrhunderts bis ins 15. Jahrhundert war der Schapel in Form eines Blumenkranzes vor allem bei Jungfrauen und Jünglingen beliebt. Aus dem Jungfernkranz, dem Kennzeichen der unverheirateten Frau, entwickelten sich der Brautkranz und mancherorts auch die noch größer ausfallende Brautkrone.[36]

3.1  Material und Form

Die Kreisform des Kranzes, wie sie auch beim Ring wiederzufinden ist, ist symbolisch aufgeladen und scheint auch von sexueller Bedeutung zu sein.[37] Bei Ovid wird ein erotischer Akt, eine Fantasie des Ich-Erzählers durch das Stecken eines Rings an den Finger umschrieben.[38] Darüber hinaus war und ist der Kreis aufgrund seiner in sich geschlossenen, nie endenden Linienführung ein Symbol der Unendlichkeit, das sich natürlich gut auf den Wunsch von unendlicher Liebe übertragen lässt.

Der Schapel konnte von einem einfachen Kranz aus Blumen oder Zweigen bis hin zu einer Krone aus besticktem Stoff oder reich verziertem Metall reichen. Bei den unorganischen Materialien wird von einem ursprünglich textilen Charakter ausgegangen, der sich mit der Zeit nach und nach versteifte.[39] In der Martianus-Capella-Bearbeitung von Notker dem Deutschen wird von dem allgemeinen Gebrauch von Brautkränzen aus Rosen im 10. Jahrhundert gesprochen.[40] In Teilen Frankreichs im 13. Jahrhundert trug der Bräutigam traditionell einen Kranz aus grünen Zweigen.[41] Die Materialerweiterung lässt sich zum einen dadurch erklären, dass Blumen nicht das ganze Jahr über verfügbar waren, auf den Kopfschmuck jedoch nicht verzichtet werden sollte. Daraus resultierte im 13. Jahrhundert die Zunftentwicklung der chapaliers de fleurs, die sich vollständig auf die Herstellung von Kunstblumen spezialisierten.[42] Parallel lässt sich jedoch auch die Entstehung der fesseresses de chapeaux d’or verfolgen, die hochwertige Kränze aus Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen herstellten.[43] Im Deutschen Raum finden sich später die Begriffe Kränzelbinderinnen, Kranzelflechterinnen oder kurz Kränzlerinnen, deren Gewerbe sich mit dem französischen vergleichen lässt.[44]

Die Wertsteigerung der Materialien lässt sich zudem wohl mit der Zurschaustellung des gesellschaftlichen Standes begründen. Die Art des Kranzes war abhängig von Anlass und sozialem Stand. Der einfache Blumenkranz wird vor allem bei Aufenthalten in der Natur, wie zum Beispiel beim gesellschaftlichen Zusammensein im Garten eine Rolle gespielt haben. Bei Banketten und feineren Anlässen, wie beispielsweise dem Anfangs beschriebenen Rosenfest in Paris, finden sich Schapel aus wertvollen Materialien. Hier dürfte vor allem ihr Charakter als repräsentativer Kopfschmuck und Accessoire im Vordergrund gestanden haben. Zum einen seien die Adeligen während des Rosenbankettes in die Rollen mythologischer und historischer Figuren geschlüpft oder traten als Personifikationen von Tugenden auf.[45] Valentina Viscontis sei beispielsweise als die Göttin Loyauté umgeben von ihrer Entourage, den Nymphen erschienen, die alle mit prächtigen chapelets aus Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen oder feinen Textilarbeiten ausgestattet gewesen seien.[46] Hier kann der Kranz als Teil eines Kostüms betrachtet werden. Zum anderen wird berichtet, dass Louis d’Orléans seiner Gemahlin Valentina mehrfach aufwendig gearbeitete chapelets und bourrelets schenkte, die sie zu großen Anlässen tragen konnte.[47] Im Sinne einer Minnegabe wurde der Kranz als Schmuckstück der Geliebten, in diesem Falle sogar der Gemahlin geschenkt.

Auch innerhalb des Hochzeitsbrauches erlangte der Kranz in Form von Brautkranz oder Brautkrone an Bedeutung. Der Begriff Brautkrone entwickelte sich mit der Erhöhung des Brautkranzes. Ab dem 15. Jahrhundert lässt sich eine beträchtliche Erhöhung des Schapels beobachten, die auch nach einer Erweiterung des Begriffes verlangte.[48] Es ist jedoch schwer festzustellen, aber welcher Höhe von Kranz oder Krone gesprochen werden konnte, die Grenzen sind hier eher verschwommen.

Dass der materielle und symbolische Wert des Brautkranzes in der Gesellschaft eine enorme Rolle zu spielen schien, zeigen Gesetzesvorgaben und später Register aus Kircheninventaren des 16. Jahrhunderts. Die Verwendung einer Brautkrone scheint ein standesübergreifender Brauchtum gewesen zu sein. Im bäuerlichen Stand kann von Kränzen aus frischen Blumen und Zweigen ausgegangen werden, da sie die günstigste Variante darstellen. Brautkronen aus wertvollen Materialien mussten einer Oberschicht vorbehalten gewesen sein, die über die finanziellen Mittel verfügten, um eine solche in Auftrag zu geben. Es war jedoch auch möglich, für den Anlass einen Kranz zu geringerem Preis zu erwerben. In einigen Kircheninventaren werden Kränze beschrieben, die gegen ein Entgelt entliehen werden konnten. Es finden sich eher grobe Beschreibungen, wie in einem brandenburgischen Register: „Kirch Hatt ein Kelch, item ein silbern Krantz“[49] Aber auch detaillierte Aufzeichnungen sind noch erhalten, zum Beispiel aus der Gegend von Schleswig-Holstein, wo 1555 im Inventar ein Kopfschmuck aus Flittergold, Perlen und Blumen beschrieben wird, das gegen Entgelt ausgeliehen werden konnte.[50] „Die Gepflogenheit“, so bezeichnet es Bernward Deneke, „zur Hochzeit mit Kranz oder Krone zu prunken, wurde von der Obrigkeit in das System ihrer Überwachung der guten Sitten einbezogen.“[51] Es sollte verhindert werden, dass Bräute von geringerem Stand eine zu prunkvolle Hochzeitskrone trugen. Edmund Kizik führt in seiner Untersuchung zum Hochzeitskranz vielerlei Schriften auf, die den Wert und sogar die Höhe der Brautkrone festlegten.[52] In der Sachsenordnung von 1546 wurde beispielsweise den reichsten Töchtern zugestanden einen aus Seide geflochten Reif zu tragen, jedoch ohne Gold und Silber.[53]

Neben seinem schmückenden Charakter konnte der Kranz also auch als Statussymbol gesehen werden. Hierbei machte er jedoch nicht nur Aussage über den finanziellen Status, sondern auch darüber, ob seine Träger jungfräulich in die Ehe gingen. War dies nicht der Fall, so mussten sie mit einem Strohkranz vorlieb nehmen, der ihr sündiges Verhalten vor der gesamten Hochzeitsgesellschaft zur Schau stellte.[54] Auch der Bräutigam konnte bekränzt auf der Hochzeit erscheinen. Die Braut schenkte dem Bräutigam einen Kranz und die Art wie er diesen trug, machte ebenso Aussage über den Status des Zukünftigen. Ein Vornehmer trug ihn auf dem Haupt, der Handwerker befestigte ihn am Hut und ein Witwer musste ihn bei erneuter Hochzeit am Handgelenk tragen.[55]

Anmerkungen und Nachweise

[1]     „Suoziv Minne, raine Min, mache mir ein chrenzelîn! daz sol tragen ein stolzer man; der wol

wiben dienen chan!“

Carmina Burana, in: Wehrli, Max: Deutsche Lyrik des Mittelalters, Zürich 1971, S. 35

[2]     Camille, Michael: The Medieval Art of Love. Object and subjects of desire, London 1998

(deutsche Ausgabe Köln 2000), S. 50-71

[3]     Vgl. Camille 2000, S. 53-56

[4]     Vgl. Ebd., S. 54

[5]     Vgl. Gaston Paris: Études sur les romans de la table ronde. Lancelot du Lac. 2. Le conte de la

Charrette. Ro. 12, 1883, S. 459-534

[6]     Vgl. Ebd.

[7]     Vgl. Markus Müller: Waz ist minne?. Konturen eines unscharfen Phänomens, in: Ausst.Kat.:

Jahreszeiten der Gefühle. Das Gothaer Liebespaar und die Minne im Spätmittelalter, Schloss

Friedenstein Gotha 1998, S. 50

[8]     Vgl. Müller 1998, S.51

[9]     Vgl. Ebd., S. 51

[10]    Ovid, Buch I, Kapitel 9, Vers 1

[11]    Vgl. Müller 1998, S. 50

[12]    Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter, Bd. 2,

München 1986, S. 505

[13]    W. Maurice Sprague: Andreas Capellanus. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon

(BBKL). Band 26, Bautz, Nordhausen 2006,  Sp. 31–42

[14]    Vgl. Blumke 1968, S. 506

[15]    Vgl. Ebd., S. 506

[16]    „Causa coniugii ab amore non est excusatio recta“ Capellanus, Buch II, Kapitel VIII, Vers 44

[17]    „Liebe ist eine Krankheit, bei der man spielt und lacht und sich unterhält.“

Le Roman de la Rose, Vers 2179-80

[18]    „Lave tes mains, tes denz escure; S’en tes ongles pert point de noir, ne l’i laisse pas remenoir.“

Le Roman des la rose, Vers 2166-68

[19]    Vgl. Birgit Franke: Im Namen der Rose. Höfische Liebe und die Semantik von Körper und

Kleidung in der Kunst um 1409, in: Zitzlsperger, Philipp: Kleidung im Bild. Zur Ikonologie

dargestellter Gewandung, Berlin 2010, S. 49-82

[20]    Vgl. Ebd., S. 68

[21]    Vgl. Camille 2000, S. 51

[22]    Vgl. Lieb 2009, S. 197

[23]    Andreas Capellanus: De Amore, Buch II, XXI, Vers 49

[24]    Vgl. Ebd. Buch II, Kapitel XXI, Vers 49

[25]    Vgl. Lieb, S. 197

[26]    Vgl. Max von Boehn: Die Mode. Eine Kulturgeschichte vom Mittelalter bis zum Barock,

Bd. 1, München 1976, S. 84

[27]    Vgl. Paravincini 1994, S. 11

[28]    Vgl. Bumke 1968, S. 528

[29]    Vgl. Ebd., S. 505

[30]    Vgl. Hoffmann-Krayer, Eduard und Hanns Bächtold-Stäubli (Hgg.):

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 5, Berlin 1932/33

[31]    Vgl. Loschek, Ingrid: Accessoires. Symbolik und Geschichte, München 1993, S. 110

[32]    Vgl. Deneke, Bernward: Hochzeit, München 1971, S. 89

[33]    Vgl. Ebd., S. 88f.; vgl. Loschek 1993, S. 110; Vgl. Bönsch, Annemarie: Formgeschichte

europäischer Kleidung, Wien 2001, S. 75f.; vgl. Von Boehn, Max: Die Mode. Eine

Kulturgeschichte vom Mittelalter bis zum Barock, Bd. 1, München 1976, S. 84

[34]    Vgl. Nillson, Martin Persson: Griechische Feste von religiöser Bedeutung mit Ausschluss der

Attischen. Teubner, Leipzig 1906,  Neudruck Teubner, Stuttgart 1995, S. 46

[35]    Vgl. Lauffer, Otto: Jungfernkranz und Brautkronen, in: Zeitschrift für Volkskunde, N. F. 2,

Berlin 1930, S. 25 ff.

[36]    Vgl. Loschek 1993, S. 110

[37]    Vgl. Camille 2000

[38]    Vgl. Ovid, Buch II, Kapitel XV, Vers 1 ff.

[39]    Vgl. Bönsch 2001, S. 75 f.

[40]    Vgl.  Sonja Glauch: Die Martianus-Capella-Bearbeitung Notkers des Deutschen. Band 1:

Untersuchungen, Band 2: Übersetzung von Buch I und Kommentar. Niemeyer,

Tübingen 2000, S. 62

[41]    Karl Weinhold Frauen I 386 f. Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. Wien 1851;

  1. Auflage in 2 Bänden 1882, 3. Auflage 1897

[42]    Vgl. Deneke 1971, S.88

[43]    Vgl. Ebd., S. 89

[44]    Vgl.  Ebd.,, S. 88

[45] Vgl. Franke, S. 74

[46] Vgl. Ebd., S. 74

[47] Vgl. Ebd., S. 75

[48] Vgl. Ebd., S. 90

[49]    Herold, V. (Hrsg.): Die Brandenburgische Kirchenvisitations-Abschiede und Register des XVI

und XVII Jahrhunderts, Bd. 1, Berlin 1930, S. 691

[50]    Vgl. Hans Dunker: Werbungs-, Verlobungs- und Hochzeitsgebräuche, Hamburg 1930, S. 87

[51]    Vgl. Deneke 1971, S. 88f.

[52]    Vgl. Kizik, Edmund: Hochzeitskranz und Hochzeitskrone in polnischen und deutschen Städten

vom 16. Bis zum 18. Jahrhundert, in: Czarnecka, Miroslawa und Jolanta Szafarz (Hgg.):

Hochzeit als ritus und casus. Zu interkulturellen und multimedialen Präsentationsformen im

Barock, Wroclaw 2001, S. 74

[53]    „einen Krantz von seide, oder mit seiden umbwunden, one gold und silber“ Der Churfürsten zu

Sachsem etc. und Burggraven zu Magdeburg: LandesOrdnung. Von ubermessiger Kleidung,

Geschmack und Beköstigung der Hochzeiten, Kindertauffen, und anderer Gestereyen halben,

ohne Erscheinungsort 1546, Helmst adl. 26

[54]    Vgl. Denke 1971, S. 93

[55]    Vgl. Deneke, S. 93

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s